Schweizer Agrarhändler als Plantagenbesitzer

Die grossen Agrarhändler organisieren aus ihren Genfer und Zuger Büros nicht nur den globalen Handel mit Soja oder Kaffee – sie sind längst auch Plantagenbesitzer. Auf einer Fläche von mehr als 2,7 Millionen Hektar bauen sie auf über 550 Plantagen weltweit Zuckerrohr, Palmöl, Orangen oder Kautschuk an. Für die Missstände in der dortigen Produktion, die von Landgrabbing über Arbeitsrechtsverletzungen bis zu Umweltvergehen reichen, sind sie deshalb direkt verantwortlich. Diese Recherche zeigt erneut: Als grösste Handelsdrehscheibe von Agrarrohstoffen weltweit ist die Schweiz Sitzstaat einer risikobehafteten Branche, die dringend reguliert werden muss.

In der Öffentlichkeit ist kaum bekannt, dass die weltweit grössten Agrarhändler wie Cargill, Archer Daniels Midland oder Bunge grosse Teile ihres globalen Handels aus der Schweiz heraus abwickeln. Ob umsatzstärkste Niederlassung, regionales Handelsbüro oder in einigen Fällen gar Hauptsitz – die hier ansässigen Händler machen die kleine Schweiz zum grössten Handelshub für Agrarrohstoffe wie Soja, Zucker oder Kaffee. Dabei gelangen diese Rohstoffe allerdings so gut wie nie physisch in die Schweiz. Dieser sogenannte Transithandel ist das Geschäftsmodell der Schweizer Rohstoffhändler – und sehr praktisch für diese notorisch intransparente Branche. Denn so kann der Umfang dieses Handels weder aus der Schweizer Zollstatistik noch aus anderen öffentlich verfügbaren Daten herausgelesen werden. Auch die Unternehmen selbst sowie ihre Branchenverbände halten sich äusserst bedeckt.

Kennen Sie die weltweit grössten Agrarhändler mit Sitz in der Schweiz?

Archer Daniels Midland

Archer Daniels Midland

Hauptsitz: Chicago, USA

Handelshauptsitz in Rolle, Schweiz

Handel und Verarbeitung von Getreide und Soja

Beteiligt an Palmölplantagen von Wilmar in Indonesien, Malaysia, Côte d‘Ivoire, Ghana, Nigeria, Uganda

Bunge

Bunge

Hauptsitz: St. Louis, USA

Handelsabteilung in Genf, Schweiz

Handel und Verarbeitung von Getreide, Soja und Zucker

Zuckerrohrplantagen in Brasilien

Cargill

Cargill

Hauptsitz: Minneapolis, USA

Globale Handelsabteilung für Getreide und Ölsaaten sowie Fracht in Genf, Schweiz

Grösster Agrarhändler weltweit mit Fokus auf Getreide, Soja, Kakao, Fleisch und Frachtgeschäft

Palmölplantagen in Indonesien

Chiquita

Chiquita

Hauptsitz: Etoy, Schweiz, und Fort Lauderdale, USA

Handel mit Bananen

Bananenplantagen in Costa Rica, Guatemala, Honduras und Panama

COFCO Corporation

COFCO Corporation

Hauptsitz: Peking, China

Globale Handelsabteilung in Genf, Schweiz

Handel und Verarbeitung von Getreide, Soja, Zucker und Baumwolle

Zuckerrohrplantagen in Brasilien; Vertragsanbau in Südafrika für Soja, Mais

ECOM Agroindustrial

ECOM Agroindustrial

Hauptsitz: Pully, Schweiz

Handel und Verarbeitung von Kakao, Kaffee und Baumwolle

Palmölplantagen in Mexiko

Louis Dreyfus Company

Louis Dreyfus Company

Hauptsitz: Rotterdam, Niederlande

Umsatzstärkste Handelsabteilung und operativer Hauptsitz in Genf, Schweiz

Handel und Verarbeitung von Reis, Getreide, Soja, Baumwolle, Zucker und Orangensaft

Orangenplantagen in Brasilien; Agrarland für Getreide und Ölsaaten in Südrussland

Neumann Kaffee Gruppe

Neumann Kaffee Gruppe

Hauptsitz: Hamburg, Deutschland

Globale Handelsniederlassung und Plantagenmanagement in Zug, Schweiz

Grösster Rohkaffeehändler weltweit

Kaffeeplantagen in Brasilien, Mexiko, Uganda

Olam

Olam

Hauptsitz: Singapur

Umsatzstärkste Handelsabteilungen für Kaffee und Getreide in Genf und Nyon, Schweiz

Handel und Verarbeitung von Kakao, Kaffee, Palmöl, Nüssen und Gewürzen

Palmölplantagen in Gabun; Agrarland in Russland; Kaffeeplantagen in Brasilien, Laos, Sambia, Tansania; Reisfarm in Nigeria

Raízen

Raízen

Hauptsitz: São Paulo, Brasilien

Globale Handelsabteilung in Genf, Schweiz

Handel und Verarbeitung von Zucker

Zuckerrohrplantagen in Brasilien

Socfin

Socfin

Hauptsitz: Luxemburg

Handelsabteilung und Plantagenmanagement in Fribourg, Schweiz

Handel und Verarbeitung von Palmöl und Kautschuk

Palmöl- und Kautschukplantagen in Zentral- und Westafrika sowie Südostasien

Sucafina

Sucafina

Hauptsitz: Genf, Schweiz

Rohkaffeehändler

Kaffeeplantagen in Brasilien

Sucocítrico Cutrale

Sucocítrico Cutrale

Hauptsitz: Araraquara, Brasilien

Handelsabteilung in Lausanne, Schweiz

Grösster Orangensafthändler weltweit

Zitrusplantagen in Brasilien

Viterra

Viterra

Hauptsitz: Rotterdam, Niederlande

Hauptsitz von Hauptaktionärin Glencore in Baar, Schweiz

Handel und Verarbeitung von Getreide, Soja, Zucker und Baumwolle

Zuckerrohrplantagen in Brasilien; Agrarland in Argentinien

Die Hälfte des Getreides und jede dritte Kaffeebohne

Um etwas Licht in dieses Dunkel zu bringen, hat Public Eye 2019 mit aufwändigen Recherchen konservative Schätzungen zur Grösse des Agrarhandelsplatzes Schweiz vorgenommen. Mit erstaunlichen Resultaten: Die Trader in ihren Büros am Genfersee oder in der Zentralschweiz wickeln mindestens die Hälfte des globalen Handels mit Getreide und Ölsaaten (wie Soja) und mindestens 40% des weltweiten Zuckerhandels ab, verschieben zudem jede dritte Kaffee- und Kakaobohne und verantworten 25% des globalen Baumwollhandels.

Dass über die Unternehmen, welche die Schweiz zur grössten Drehscheibe für den globalen Agrarhandel machen, so wenig bekannt ist, hat mit ihrem Geschäftsmodell zu tun. Denn wir Konsument*innen kommen kaum je in Kontakt mit Cargill & Co, auch wenn diese praktisch alle relevanten landwirtschaftlichen Rohwaren handeln und verarbeiten, die in unseren Konsumgütern landen, und eine zentrale Funktion in unserem globalen Agrar- und Ernährungssystem einnehmen.

Vom Anbau bis ins Verkaufsregal

Lange präsentierten sich die Agrarhändler als reine Logistikfirmen, deren Geschäft sich darauf beschränkt, Landwirtschaftsgüter von A nach B zu verschiffen. Tatsächlich aber sind sie längst zu vertikal integrierten Agro-Food-Konzernen geworden. Das heisst, sie haben ihre Tätigkeiten auf die Wertschöpfungsstufen ausgedehnt, die dem Handel vor- und nachgelagert sind. Sie transportieren Agrarrohstoffe nicht mehr nur, sondern bauen Palmöl, Zuckerrohr oder Kaffee auch selbst an und verarbeiten sie weiter zu Futter-, Lebens- und Genussmitteln. Diese Ausweitung des Geschäftsmodells zeigt sich auch in den Selbstbeschreibungen der Händler. So wirbt die Louis Dreyfus Company (LDC) mit dem Slogan «From Farm to Fork» (vom Hof bis auf den Teller) und Olam mit dem Spruch «From Seed to Shelf» (vom Saatgut bis ins Verkaufsregal).

Die Diversifizierung ermöglicht den Unternehmen nicht nur, ihre Risiken zu minimieren, sondern auch, ihren Einfluss zu vergrössern. Mit dem Anbau eigener Rohstoffe erhalten sie einen besseren Zugang dazu und eine grössere Kontrolle über die von ihnen benötigte Menge und Qualität. Zudem erleichtert ihnen diese Integration die Rückverfolgbarkeit der Güter entlang der Wertschöpfungskette.

Die Schweizer Händler als Plantagenbesitzer

Vor dem Hintergrund dieser Entwicklung hat Public Eye erstmals systematisch untersucht, wo und wieviel Land die Schweizer Trader für den Anbau von Agrarrohstoffen weltweit kontrollieren. Ausgehend von Daten, die die niederländische non-Profit-Organisation Profundo in unserem Auftrag recherchiert hat, haben wir unter die Lupe genommen, welche Plantagen die Händler für welchen Verwendungszweck kontrollieren. Und welche Missstände es im Zusammenhang mit mancher dieser Plantagen gibt.

Die von Schweizer Händlern kontrollierten Plantagen umfassen insgesamt mindestens eine Fläche von über 2,7 Millionen Hektar. Das entspricht mehr als dem Sechsfachen des gesamten Schweizer Ackerlandes oder 50 Mal der Fläche des Bodensees. Während es in manchen Fällen genaue Angaben zur kontrollierten Fläche, der Anzahl Plantagen und den genauen Standorten gibt, sind in anderen nur Hinweise zur Gesamtfläche und den Ländern, jedoch weder Ortsangaben noch detailliertere Informationen zur exakten Zahl der Plantagen zu finden. Erschwerend kommt hinzu, dass die Branche nicht nur extrem verschwiegen, sondern auch sehr dynamisch ist. So wechselte etwa der brasilianische Zuckertrader Biosev erst kürzlich von LDC in den Besitz von Raízen, was die Zuordnung von einzelnen Plantagen zu spezifischen Tradern weiter erschwert.

In unserer gemeinsam mit Partnerorganisationen in den Produktionsländern durchgeführten Pionierrecherche konnten wir insgesamt 561 Plantagen in 24 Ländern identifizieren, die von Schweizer Agrarhändlern kontrolliert werden.

Von Schweizer Händlern kontrolliertes Anbauland in Hektar

Flächenangabe ADM: Dies entspricht den 22,2%, welche ADM am Palmölhändler Wilmar, und damit auch an dessen Plantagen auf einer Gesamtfläche von über 470'000 Hektar, hält.
Quelle: Eigene Darstellung gemäss öffentlich zugänglicher Daten der Unternehmen, von Zertifizierungsorganisationen oder Datenbanken.

Flächenmässig mit Abstand am meisten Land kontrollieren die Schweizer Händler für die Produktion von Zuckerrohr. Mit 1,4 Millionen Hektar machen diese Plantagen über die Hälfte der insgesamt kontrollierten Fläche aus. An zweiter Stelle folgt Palmöl mit etwa einem Viertel der Gesamtfläche, gefolgt von Getreide und Ölsaaten. Von Schweizer Tradern betriebene Zitrusplantagen erstrecken sich auf 190’000 Hektar, Kautschuk macht noch etwas über 100'000 Hektar aus. Danach folgen flächenmässig abgeschlagen Kaffee, Bananen und Reis. Kein Schweizer Plantagenbesitz liess sich für Kakao und Baumwolle nachweisen.

© Xavier Bourgois / Getty ImagesWald gerodet: Palmölplantage von Olam in Kango, Gabun.
© Xavier Bourgois / Getty Images
Wald gerodet: Palmölplantage von Olam in Kango, Gabun.

Könige der «Flex Crops»

Dass die Trader mit Abstand am intensivsten in den Anbau von Zuckerrohr, Palmöl sowie Getreide und Ölsaaten investieren, kann mehrere Gründe haben. Einerseits sind Zuckerrohr und Palmöl genauso wie Soja sogenannte Flex Crops – also Rohstoffe, die einen vielfachen Nutzen haben und somit flexibel für Lebens- und Futtermittel oder auch als Biotreibstoff eingesetzt werden können. So wird beispielsweise bis zu 90% des global produzierten Sojas zu Futtermittel verarbeitet. Und im Erntejahr 2019/20 wurden knapp zwei Drittel der gesamten Zuckerrohrernte Brasiliens, dem führenden Produktionsland von Zucker, für die Herstellung von Ethanol und nicht für Rohzucker verwendet. Was tatsächlich hergestellt wird, hängt denn auch mit dem Ölpreis zusammen: Steigt dieser, werden die Treibstoffe teurer und das günstigere Ethanol wird stärker nachgefragt. Mit Flex Crops können längerfristig sicherere Renditen erzielt werden als mit anderen Landwirtschaftserzeugnissen. Denn mit diesen Agrarrohstoffen können Trader flexibler auf Markttrends und Preisschwankungen reagieren und so ihre Preisrisiken verringern.

Ein weiterer Grund, vor allem bei diesen Rohstoffen auf die Anbaustufe vorzudringen, ist die Tatsache, dass deren Produktion kapital- und weniger arbeitsintensiv ist. So ist der Zuckerrohranbau in Brasilien mittlerweile grösstenteils mechanisiert. In gewissen Gegenden beträgt der Mechanisierungsgrad bis zu 95%, so dass nur noch sehr wenige Arbeiter*innen in der Produktion zum Einsatz kommen. Im Vergleich dazu ist der Anbau von Kulturen wie Kakao oder teilweise auch Baumwolle, wo die Schweizer Händler gemäss unseren Recherchen keine eigenen Plantagen besitzen, äusserst arbeitsintensiv; er wird mehrheitlich von selbständigen Kleinbäuerinnen und Kleinbauern auf viel kleineren Flächen verrichtet. Die arbeitsintensive Produktion bringt auch viel grössere Risiken mit sich, vor allem für die Kleinproduzent*innen. Sie sind von niedrigen Verkaufspreisen der Rohstoffe und Preisschwankungen auf den Weltmärkten, aber auch Folgen des Klimawandels sowie ausbeuterischen Produktionsbedingungen viel existenzieller betroffen als die Händler, die sich gegen viele dieser Risiken absichern können. Die Auslagerung von Risiken an die Produzierenden kann demnach als Teil des Geschäftsmodells betrachtet werden.

Kontrolle über Plantagen: Von Nutzungsrechten bis Landbesitz

Die Kontrolle, welche die Händler über das Anbauland ausüben, kann unterschiedliche Formen annehmen und reicht vom eigentlichen Besitz des Landes über langjährige Pachtverhältnisse bis zu Nutzungsrechten. Die Art der Kontrolle hängt auch von den rechtlichen Rahmenbedingungen in den Produktionsländern ab. In einigen Staaten dürfen ausländische Unternehmen beispielsweise Land nicht besitzen, sondern nur pachten. Die langjährige Pacht von Agrarland kann sogar profitabler sein als dessen Besitz, weil diese oft sehr günstig ist. Was allen Varianten gemein ist: Die Händler haben so eine direktere Kontrolle über die Produktion der Agrarrohstoffe, als dies bei der Beschaffung über Zulieferer der Fall ist. Damit geht aber auch eine direktere Verantwortung für die Produktions- und Arbeitsbedingungen auf diesen Plantagen einher.

Arbeiter in der Palmölplantage der Socfin-Tochter Socapalm bei Apouh in Kamerun.
Arbeiter in der Palmölplantage der Socfin-Tochter Socapalm bei Apouh in Kamerun.

Menschenrechtsverletzungen in der Lieferkette

Bei der landwirtschaftlichen Produktion kommt es vielerorts zu Arbeitsrechtsverletzungen, Landgrabbing, Umweltverschmutzung oder Abholzung. Einige solcher Fälle bei Zulieferern von Schweizer Agrarhändlern hat Public Eye bereits 2019 im Bericht «Agricultural Commodity Traders in Switzerland: Benefiting from Misery?» dargelegt. Auch unsere Reportage zu den Produktionsbedingungen in der ecuadorianischen Bananenindustrie zeigte gravierende Missstände und hob die Verantwortung des Schweizer Händlers Chiquita hervor. Und die Recherche aus den Orangenplantagen São Paulos brachte ausbeuterische Arbeitsbedingungen in der Lieferkette von LDC ans Licht. Bezüglich der Missstände bei Zulieferbetrieben stehlen sich die Trader gerne mit dem Argument aus der Verantwortung, dass ihnen dort die Kontrolle und der direkte Einfluss fehle. So meinte ein lokaler Vertreter von LDC bei unserer Feldrecherche 2020 auf den Zulieferplantagen in São Paulo, die Firma kontrolliere nicht vor Ort, «denn wir sind nicht die Polizei».

Auf den von ihnen kontrollierten Plantagen greift diese bereits für Zulieferbetriebe haltlose Begründung definitiv nicht: Dort stehen die Schweizer Agrarhändler direkt in der Verantwortung. Doch entgegen eigener Beteuerungen scheint es ihnen häufig nicht zu gelingen, ihre Produktion mit geltenden Menschenrechts- und Umweltstandards in Einklang zu bringen. Bei unseren Recherchen stiessen wir auf diverse Missstände, was uns veranlasste, die Produktionsbedingungen auf einigen Plantagen genauer unter die Lupe zu nehmen. Unterstützt wurde diese Arbeit von unseren Partnerorganisationen Repórter Brasil und dem indonesischen Netzwerk Walhi, deren Recherchen zu den brasilianischen Zuckerrohr- respektive indonesischen Palmölplantagen teils langjährige Missstände zutage förderten.

Umweltvergehen, Folgen des Pestizideinsatzes und Landgrabbing

So baut etwa der Zuckertrader Biosev seit Jahren in der brasilianischen Region Lagoa da Prata auf gewissen Plantagen ohne Umweltlizenz Zuckerrohr an, weswegen sogar die Staatsanwaltschaft von Minas Gerais Anklage erhob. In Indonesien wiederum sehen sich indigene Gemeinschaften aufgrund einer Palmölplantage von Cargill ihrer Lebensgrundlage beraubt. Dieser seit über 20 Jahren schwelende Konflikt konnte bis heute nicht im Einklang mit den Rechten der Indigenen gelöst werden. Auch in Zusammenhang mit Kaffeeplantagen der Schweizer Trader in Uganda, Laos und Tansania kam es zu Vertreibungen lokaler Gemeinschaften. Der wohl berüchtigtste Fall von Landgrabbing betrifft die Kaweri-Kaffeeplantage der Neumann Kaffee Gruppe in Uganda, bei welchem es bereits vor 20 Jahren zu Plünderungen und Vertreibungen kam. Die Betroffenen warten bis heute auf eine angemessene Entschädigung. Und in der honduranischen Bananenproduktion kommt es immer wieder zu Drohungen und Gewalt gegen Gewerkschafter*innen – auch in Zusammenhang mit der Plantage Santa Rita des Schweizer Bananenhändlers Chiquita.

© FIANFür die Kaweri Kaffee-Plantage der Neumann Kaffee Gruppe trieb die ugandische Armee 2001 mehr als 4000 Menschen aus ihren Dörfern; die Vertriebenen kämpfen seither für ihre Rechte.
© FIAN
Für die Kaweri Kaffee-Plantage der Neumann Kaffee Gruppe trieb die ugandische Armee 2001 mehr als 4000 Menschen aus ihren Dörfern; die Vertriebenen kämpfen seither für ihre Rechte.

Ihrer Verantwortung zur Vermeidung solcher Missstände kommen die Händler nicht genügend nach. Zudem fehlt es in den Sitzstaaten der Unternehmen, wie der Schweiz, an wirksamen, rechtlich verbindlichen Regelungen, welche sie zur Respektierung von Menschenrechts- und Umweltnormen zwingen würden. Der Bundesrat anerkennt zwar offiziell, dass die Rohstoffbranche mit ernst zu nehmenden Herausforderungen konfrontiert ist, unter anderem in Bezug auf Menschenrechte. Er setzt jedoch nach wie vor grösstenteils auf freiwillige Unternehmensverantwortung sowie die angebliche indirekte Aufsicht der Banken über den Rohstoffsektor.

Verbindliche Sorgfaltspflichten überfällig

Die Regulierungslücke in der Schweiz zeigt sich gleich in mehrfacher Hinsicht. Erstens greift das Argument, eine Regulierung der Rohstoffbranche sei unnötig, da deren Tätigkeiten unter indirekter Aufsicht der Banken stünden, die sie finanzieren, in keinster Weise. Selbst wenn die Bankenaufsicht zur Verhinderung von Korruption und Geldwäscherei taugen würde – sie hätte im Hinblick auf die Schweizer Agrarhändler kaum eine Wirkung. Eine Analyse von Public Eye zur Finanzierung der Schweizer Agrarhändler zeigt nämlich: Schweizer Banken haben gar keinen Einfluss auf die Geschäftspraktiken der Schweizer Agrarhändler, denn diese werden fast ausschliesslich von ausländischen Geldgebern finanziert.

Zweitens stehen bei den Agrarkonzernen – im Gegensatz zum Handel mit Öl und mineralischen Rohstoffen – weniger Geldwäscherei und Korruption als vielmehr Menschenrechtsverletzungen und Umweltvergehen im Vordergrund. Die von uns dokumentierten Missstände in diesem Sektor werden auch von einer umfassenden und funktionierenden Bankenaufsicht nicht abgedeckt.

Drittens besteht in der Schweiz nach wie vor keine verbindliche und umfassende Sorgfaltsprüfungspflicht zur Verhinderung von Menschenrechtsverletzungen und Umweltverstössen. Der völlig zahnlose Gegenvorschlag zur Konzernverantwortungsinitiative bringt hier kaum Besserung. Denn dieser fokussiert – neben dem für den Agrarsektor irrelevanten Aspekt der Konfliktmineralien – völlig einseitig auf Kinderarbeit, sieht dabei aber so viele Ausnahmen vor, dass selbst diesem besonders gravierenden Missstand kaum begegnet werden muss. Alle anderen Menschen- sowie Arbeitsrechtsverletzungen und Umweltvergehen werden schlicht ausgeklammert.

Was bleibt, ist ein intransparenter Hochrisikosektor, der bezüglich Menschenrechts- und Umweltrisiken fast gänzlich unreguliert aus der Schweiz heraus operiert. Diese Lücke versuchen Schweizer Nachbarländer sowie die EU mit verbindlichen Sorgfaltsprüfungen wenigsten ein Stück weit zu schliessen. Dies wäre auch hierzulande dringend nötig, wenn die offizielle Schweiz es tatsächlich ernst meinte mit ihrem Respekt für Mensch und Umwelt weltweit. Momentan sieht es nicht danach aus. Der Bedarf für eine Rohstoffmarktaufsicht, wie sie Public Eye seit Langem fordert, ist deshalb dringlicher denn je.


Verwendete Methode

Für diese Recherche wurde eine Auswahl an Schweizer Agrarhändlern (sowohl solche mit Hauptsitz als auch solche mit wichtigen Handelsniederlassungen) getroffen, deren Kontrolle über die Anbaustufe genauer untersucht wurde. Die Unternehmen wurden aufgrund verschiedener Kriterien ausgewählt, unter anderem ihrer Grösse sowie ihres Marktanteils bei den relevantesten Agrarrohstoffen. Dies resultierte in einer Liste von 14 Händlern, und zwar: Archer Daniels Midland (ADM), Bunge, Cargill, Cofco Group, Chiquita, ECOM Agroindustrial, Louis Dreyfus Company (LDC), Neumann Kaffee Gruppe (NKG), Olam, Raízen, Socfin, Sucafina, Sucocítrico Cutrale, und Viterra. Des Weiteren wurde die Recherche auf die global wichtigsten Agrarrohstoffe begrenzt und deckt beispielsweise Konzessionen zur Nutzung von Wald nicht ab. Public Eye erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit bezüglich des gesamten Landbesitzes aller Schweizer Trader.

Die Standortangaben der von Schweizer Händlern kontrollierten Plantagen stammen aus öffentlich zugänglichen Quellen wie Firmenberichten, Datenbanken oder von Zertifizierungsorganisationen (Stand: November 2021). Meist sind dies politische Gemeinden oder Bezirke und keine genauen Koordinaten. Nicht immer war es aufgrund der fehlenden Transparenz des Sektors und der daraus resultierenden, unterschiedlichen Quellenlage möglich, die genauen Standorte der Plantagen zu erfassen. Damit die Symbole von verschiedenen Plantagen in einer Gemeinde nicht deckungsgleich angezeigt werden, werden die Symbole in der Karte jeweils leicht gestreut (+/- 1 Grad). Die tatsächlichen Standorte können von den in der Karte angezeigten deshalb leicht abweichen. Die Branche ist zudem äusserts dynamisch und es kommt laufend zu Verkäufen oder Übernahmen. Diese Karte ist deshalb als Momentaufnahme zu verstehen.

Die beschriebenen Missstände sind keine Einzelfälle, sondern veranschaulichen beispielhaft die im Sektor häufig auftretenden Probleme. Einige Recherchen wurden von Partnerorganisationen von Public Eye in unserem Auftrag durchgeführt. Weitere Missstände waren bereits bekannt und von anderen Organisationen dokumentiert und publik gemacht worden. Wo es Stellungnahmen der betroffenen Unternehmen betreffend der Vorwürfe gibt, wird auf diese verwiesen. Die spezifischen Quellen sind bei den jeweiligen Missständen vermerkt.


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Autor*innen
Silvie Lang, Thomas Braunschweig, Timo Kollbrunner

Design und Umsetzung
We Are Cube3

November 2021